Workshop auf dem Blockupy-Festival

Das Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy“ wird auf dem Blockupy-Festival (http://blockupy.org/festival2014/) einen Workshop durchführen. Hier findet Ihr die Ankündigung und Beschreibung des Workshops (Bitte schaut vor dem Festival auch noch einmal auf diesen Blog oder auf die Programmseite http://blockupy.org/festival2014/programm/, da sich bei den Veranstaltungen noch Änderungen bei den Zeiten oder Räumen ergeben können.):



Horkheimer beschreibt in seinem Text „Der Wolkenkratzer” die kapitalistische Gesellschaft als hierarchisches Hochhaus, in dessen Keller er die Tiere noch unter die am schlimmsten ausgebeuteten Menschen verortet. Wir wollen mit Euch über die Bedeutung dieses Kellers für die kapitalistische Ausbeutung von Menschen sprechen, über die enge Verbundenheit der Ausbeutung und Vernutzung von Tieren mit der ökologischen wie auch ökonomischen Krise, der sozialen und politischen Krise sowie über die Möglichkeit der Befreiung von Mensch, Tier und Natur.

Ausführlichere Workshopbeschreibung:

(Inputvorträge + Diskussion)

In seinem Textfragment „Der Wolkenkratzer“ stellt Max Horkheimer den vertikalen Gesellschafts­bau seiner Zeit symbolisch dar, dessen Form bis heute Bestand hat. Dieses Bildnis beschreibt das Grundgerüst der kapitalistischen Klassengesellschaft, in dessen Räumen verwalteter Freiheit und Unfreiheit sich die Krise auf das Leben der Menschen und Tiere und auf die Natur auswirkt. Noch unter die am schlimmsten ausgebeuteten Menschen, im „Untergeschoss“, im dunklen Keller, veror­tet Horkheimer „das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere…in der menschlichen Ge­sellschaft“. Wir werden die Taschenlampen anmachen und beleuchten, welche Auswirkungen der Kapitalismus und seine Krisenerscheinungen auf das Leben im Keller des Gesellschaftsbaus haben.

Spotlight auf die ökonomische und ökologische Krise

Die Inwertnahme der Tiere und der Natur, die den Herrschenden und dem Kapital als bloßes Mate­rial dienen, ermöglicht ihnen seit jeher die Anhäufung von Reichtum. Zur Absicherung des privaten Reichtums in der gegenwärtigen Krise wird die verstärkte Ausbeutung von Tieren und der Natur mit der Krise selbst legitimiert. Die konkrete Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die Gewalthandlungen gegen die zu Ressourcen herabgesetzten Tiere überlassen die Herrschenden dabei denjenigen Menschengruppen, die sie ebenfalls in den Keller verband haben: In den Schlachthöfen der Gesellschaft, den Zucht- und Mastanlagen und anderen Tierausbeutungsbetrie­ben arbeiten vor allem Menschen, die selbst vielfach sozial benachteiligt sind. Unter miserablen Arbeitsbedingungen, mangelnder rechtlicher Absicherung, Billiglöhne erhaltend und aus wirt­schaftlicher Not legen sie Hand an die tierlichen Individuen, die im Verwertungsinteresse der Herr­schenden zu Waren werden. Das historisch entstandene, zunehmend gesellschaftlich erzeugte – und angesichts des gegenwärtigen Stands der Produktivkräfte nun überwindbare – Bedürfnis nach tierlichen Konsumgütern hat eine industrielle Tierproduktion hervorgebracht, welche die Knapp­heit der natürlichen Ressourcen und die Ernährungsgerechtigkeit ignoriert und die aktuelle ökolo­gische Krise und globale Nahrungsmittelkrise mit verantwortet. Der neue Agrarkolonialismus (hier: Land Grabbing für den Futtermittelanbau, Investitionen in und Übernahme von Tierproduktionsbe­trieben v.a. in Osteuropa und Afrika) wird auf der größten internationalen Fachmesse für „Tierpro­duktion” EuroTier im November in Hannover beworben. Diese quantitative, aber auch die qualita­tive Ausweitung der „Tierproduktion” (das Klonen von Tieren und deren Nutzung als „Bioreaktor” sind hierfür Beispiele) steht dabei nicht im Gegensatz zu dem derzeitigen, rein als Lifestyle aufge­fassten Bio- und Veganhype, der mit seinen Spezialprodukten neue Marktnischen schafft, die z.T. auch die Tierverwertungsindustrien für sich nutzen. Dieser erlaubt heute der ökonomisch besser­gestellten „kulinarischen Oberklasse”, sich gesund zu ernähren, während die große Masse der Menschen sich von Discount-Gemüse und Billig-Fleisch ernähren muss. Eine Kritik an den gesell­schaftlichen Unterdrückungsverhältnissen beinhaltet dieser Lifestyle nicht.

Ebenso dringlich wie manch andere Bereiche ist deshalb die Nahrungsmittelindustrie zu vergesell­schaften und die Kontrolle über die Nahrungsmittelversorgung im Sinne von Commons neu zu or­ganisieren. Die Veränderung unserer Produktionsweise ist unabdingbar und des Weiteren untrenn­bar mit der Aufhebung bestehender Machtverhältnisse, insbesondere der Eigentumsverhältnisse, verbunden. So sind auch die Tierausbeutungsbetriebe zu enteignen und in progressive und aus­beutungsfreie Betriebe zu konvertieren, und ist gemeinsam, verantwortungsbewusst und solida­risch die neue Produktion zu organisieren. Diese Verantwortung impliziert eine Absage an die Zer­störung der natürlichen Lebensgrundlagen, während der Solidaritätsgedanke eine Beendigung der Ausbeutung der produzierenden Menschen sowie der Ausbeutung und Vernutzung der Tiere ver­langt.

Spotlight auf die soziale Krise

Der Imperativ der instrumentellen Vernunft, die Verwandlung aller materiellen und geistigen Inhal­te und Seinsformen in marktförmige Tauschobjekte, die vernutzt, konsumiert, beliebig ausge­tauscht und stets in Geld gewechselt werden können, hat auch die sozialen Beziehungen unter das Rationalitätsprinzip gestellt und die Menschen zunehmend vereinzelt. Die dem Individuum aufer­legte Konkurrenz und Angst vor sozialem Abstieg oder gar Ausschluss befördert neue Formen der Ausgrenzung und verstetigt alte Grenzen. Gleichzeitig befeuert sie die Entsolidarisierung. Opfer der gesellschaftlichen Erwartung, sich gegenüber dem Leid der Anderen kalt und immun zu machen, sind dabei an erster Stelle die Menschen im Keller des Gesellschaftsbaus, vor allem aber auch die Tiere. Das gemeinsame soziale Band zwischen Tier und Mensch, „die Verwandtschaft seines Glücks und Elends mit dem Leben der Tiere” (Horkheimer), wird vom Speziesismus als Ideologie im Sinne kapitalistischer Verschleierung und notwendig falschen Bewusstseins geleugnet. Dieser Schleier er­hält im Alltag, in dem der Mensch das tierliche Individuum oftmals als „Mit-Subjekt” erfährt, wel­ches mit einem selbst elementare Bedürfnisse teilt, jedoch Risse. Angesichts der Zumutungen der Krise wird die Verbundenheit des Elends und die Notwendigkeit der Ausweitung des Emanzipati­onsgedankens auf die Tiere vermehrt erkennbar: Nicht nur Menschen sollen in der Krise „den Gür­tel enger schnallen“, sondern auch die Umwelt soll mit Fracking und mehr Klimagasen leben müs­sen und die Tiere sollen extremere Ausbeutungsbedingungen erdulden. In kämpfender Solidarität arbeitet auch die transnationale Tierbefreiungsbewegung dieser „naturverfallenen Naturbeherr­schung”, der kapitalistischen Ökonomie und Klassengesellschaft und den durch diese hervorge­brachten Unterdrückungsformen entgegen und verweist darauf, dass die Befreiung von Mensch, Tier und Natur untrennbar miteinander verbunden ist.

Spotlight auf die politische Krise

Die Markt-Staat-Allianz und der Demokratieverlust politischer Institutionen und Prozesse durch beispielsweise die Troika und den Einfluss von Think-Tanks wirtschaftlicher Interessengruppen ste­hen dem Kampf um Tierbefreiung, wie auch allen anderen emanzipatorischen, linken Kämpfen, entgegen. Ist die Befreiung der Tiere ohnehin schon durch das Auseinanderfallen von befreiendem Subjekt und Objekt erschwert und ganz auf das Zutun der Menschen angewiesen, so ist sie mit dem zunehmenden Verlust an politischer Gestaltungsmöglichkeit gefährdet. Die Gefahr droht zudem durch die steigende staatliche Repression: Die Tierbefreiungsbewegung gilt in vielen europäischen Staaten und den USA als eines der Testfelder der Einschränkung der Demonstrations­freiheit und des Einbezugs ihrer Proteste in die neu geschaffenen Anti-Terror-Gesetze (so etwa in den „Animal Enterprise Terrorism Act”), sobald die Proteste, unabhängig von der Aktionsform, Pro­fiteinbußen bewirken: So wurden zum Beispiel durchweg mit legalen Mitteln arbeitende Aktive ei­ner Kampagne gegen Pelze in Österreich alleine aufgrund ihres Erfolgs mithilfe des Paragraphen ge­gen kriminelle Vereinigungen verfolgt. In England wurden Aktivist*innen der Kampagne gegen Eu­ropas größtes Tierversuchsauftragslabor gar zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie es schafften, dass die Aktie des Unternehmens gänzlich an Wert verlor und es schließlich vom briti­schen Staat „gerettet” werden musste. Um dem Trend zur verstärkten Repression etwas entgegen­zusetzen, kann die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung mit ihren wertvollen Erfahrungen vor allem im Bereich der niederschwelligen direkten Aktionen andere emanzipatorische Kämpfe unter­stützen. Mit dem TTIP und anderen Handels- und Investitionsabkommen werden sodann nicht mehr nur die Proteste kriminalisiert, sondern auch Regelungen und Gesetze als rechtswidrig defi­niert, welche die Belastungen für die so genannten „Nutztiere” in einzelnen Bereichen abschwä­chen sollen und durch diese „Tierschutzmaßnahmen” die Profite der tiervernutzenden Unterneh­men schmälern.

Nach diesem analytischen Blick auf die Krise und insbesondere das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis im Rahmen von kurzen Inputvorträgen eröffnet die anschließende Diskussion Raum, Schnittmengen mit anderen sozialen Kämpfen aufzuzeigen und gemeinsame Strategien für die politische Praxis zu besprechen.


Mit:
Melanie Bujok, Philipp Knöterich, Larissa Deppisch

Veranstalter:
Tierbefreiung goes Blockupy
Blog: http://tierbefreiung2blockupy.blogsport.de
Email: tierbefreiung2blockupy@riseup.net