Archiv für März 2014

Menschen, Natur und Tiere in der Krise

Der Flyer „Menschen, Natur und Tiere in der Krise – Über die Notwendigkeit einer antikapitalistischen Kritik der Tierausbeutung“ von der Tierbefreiung Hamburg [1] wurde auf den Blockupy-Aktionstagen der letzten beiden Jahre zahlreich verteilt. Er wird auch bei Blockupy 2014 wieder Verwendung finden, da die Inhalte des Flyers leider noch immer aktuell sind.

�ber die Notwendigkeit einer antikapitalistischen Kritik der Tierausbeutung

„Bankenrettung, soziale Kürzungen, Entdemokratisierung. Die Maßnahmen zur Überwindung der globalen Wirtschaftskrise sind der Versuch, den Zusammenbruch der kapitalistischen Ökonomie abzuwenden. Doch es gibt keinen Grund, ein Wirtschaftssystem zu retten, welches weder gewillt noch in der Lage ist, Antworten auf die sozialen und ökologischen Katastrophen unserer Zeit zu finden. Aber nicht nur die Ausbeutung von Menschen und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen sind Ausdruck der destruktiven Gewalt kapitalistischer Vergesellschaftung. Auch die in unserer Gesellschaft allgegenwärtige Gefangenhaltung von Tieren, deren gnadenlose Ausbeutung und die niemals enden wollenden Schlachtungen sind untrennbar mit einer Wirtschaftsweise verbunden, die nur auf Verwertung und Profit ausgerichtet ist. Nicht die Rettung, sondern die Überwindung des Kapitalismus ist die notwendige Konsequenz, um diesem Elend ein Ende zu setzen.

Der Kapitalismus ist nicht mehr zu retten!

Die kapitalistische Ökonomie bröckelt. Was gegenwärtig als „Staatsschuldenkrise“ in Erscheinung tritt, ist tatsächlich eine handfeste globale Wirtschaftskrise, die ihren Ausgangspunkt in der Immobilien- und Finanzkrise nahm. Die Maßnahmen zu ihrer Überwindung richten sich nicht auf die sogenannte Rettung nationalstaatlicher Ökonomien, sondern sind der Versuch, das Zusammenbrechen der kapitalistischen Wirtschaft selbst zu verhindern. Mit hunderten Milliarden Euro wurden Banken und Konzerne gestützt und einer Vielzahl von Staaten wurden massive Kürzungen in den sozialen Sicherungssystemen durch die Troika aus EU, IWF und EZB aufgezwungen. Eine Verelendung breiter Bevölkerungsschichten wird wohlwissentlich in Kauf genommen, um „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Kreditfähigkeit“ herzustellen, was nichts anderes bedeutet, als die Bedingungen kapitalistischer Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Es gibt jedoch keinen vernünftigen Grund, einem Wirtschaftssystem als Retter_in zur Seite zu springen, das tagtäglich Elend produziert und die Bedürfnisse von Menschen und Tieren hinter ihren „Wert“ zurücktreten lässt.

Die selbst ernannten Retter_innen des Kapitalismus haben bewiesen, dass sie gewillt sind, die herrschenden Verhältnisse bis aufs Messer zu verteidigen. Die sozialen Angriffe in Form von Lohnkürzungen, Privatisierungen und Spardiktaten zielen allen voran auf die Absicherung wirtschaftlicher Interessen und die Ökonomisierung immer weiterer Lebensbereiche. Flankiert werden diese Maßnahmen durch den Abbau von Arbeitnehmer_innenrechten, den Ausbau des Sicherheitsapparats und die Militarisierung der Außenpolitik, um jede Form des Widerstands bereits im Keim zu ersticken. Diese Politik unterwirft alle gesellschaftlichen Verhältnisse dem Diktat der Profitmaximierung, die das Gewaltverhältnis zwischen Menschen und Tieren zementiert.

Fukushima, Klimawandel, industrieller Tiermord: Naturbeherrschung im Kapitalismus

Tiere sowie die Natur im Allgemeinen sind in der kapitalistischen Wirtschaft lediglich Waren, Produktionsmittel oder Ressourcen, die es auszubeuten gilt. Die Beherrschung der Natur begründet dabei die menschliche Gesellschaft: Da die Menschen produzieren müssen, um sich zu reproduzieren, müssen sie auch seit jeher die Natur umgestalten und nutzen. Die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise hat jedoch eine fatale Dynamik entfaltet, die destruktiv und – im Hinblick auf die allgegenwärtige Gewalt gegen Tiere – geradezu mörderisch ist. Denn die kapitalistische Ökonomie beinhaltet nicht nur den Zwang zur Konkurrenz sondern auch zur permanenten Expansion in Form fortschreitender Inwertsetzung natürlicher Lebensgrundlagen.

Das ungebremste Wachstum hat daher neben sozialen auch notwendigerweise ökologische Krisen zur Folge. Fukushima, die globalen Folgen des Klimawandels oder die industrialisierte Tötung von Tieren stehen exemplarisch für die verheerenden Folgen kapitalistischer Naturaneignung. Die Kritik an der systematischen Zerstörung der Natur findet ihren Ausdruck in den sozialen Kämpfen der Ökologiebewegung, z.B. gegen Kohlekraftwerke oder die Gentechnik. Aber auch die Protestbewegungen gegen die Privatisierung der Wasserversorgung oder gegen Landgrabbing kämpfen für eine kollektive, bedürfnisorientierte und nachhaltige Nutzung der Natur und gegen die profitorientierte Zerstörungswut des Kapitals.

Die Zerstörung der Natur und mit ihr die Zerstörung der Grundlagen menschlicher Gesellschaft sind unmittelbare Folgen von Produktionsverhältnissen, die nicht der Befriedigung von Bedürfnissen dienen, sondern den Notwendigkeiten fortschreitender Kapitalakkumulation folgen. Dass den Prozessen der kapitalistischen Naturaneignung kein Prinzip der Nachhaltigkeit, Schonung oder Vorsicht inne liegt, ist nicht etwa Resultat „naturfeindlicher Einstellungen“ sondern logische Konsequenz aus der Inwertsetzung der Natur.

Mastanlagen, Versuchslabore, Schlachthöfe: Tiere als Opfer kapitalistischer Naturbeherrschung

Tiere sind die primären Opfer der Naturbeherrschung, da sie – der Natur zugedacht – milliardenfach eingesperrt und ermordet werden, um ihre Arbeitskraft auszubeuten und Teile ihrer toten Körper als Waren zu tauschen. Tiere werden systematisch Opfer gesellschaftlich organisierter Gewalt. Ihre Körper erleiden massenhafte Verletzungen – etwa im Schlachthof, Versuchslabor oder in der Mastanlage. Eine befreite Gesellschaft, die es ernst meint mit der Überwindung aller Verhältnisse, die Knechtschaft und Ausbeutung bedingen, darf die Tiere nicht ignorieren. Jedes Opfer gesellschaftlich vermittelter Gewalt ist illegitim. Gemessen am derzeitigen Stand der Produktivkräfte, das heißt in Anbetracht des technisch und gesellschaftlich Möglichen, gibt es keine Notwendigkeit der Gewalt gegen Tiere.

Die Ausbeutung der Tiere wird dabei durch eine komplexe Ideologie legitimiert und gestützt, für die sich mittlerweile der Begriff Speziesismus etabliert hat. Gemeint ist ein Denken über Tiere, das aus der vermeintlichen Notwendigkeit ihrer Ausbeutung resultiert. Als insofern falsches Bewusstsein über Tiere trägt Speziesismus dazu bei, die Ausbeutung der Tiere als unveränderlich und natürlich zu verfestigen und dabei den Prozess der historischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Herstellung der Ausbeutung zu verschleiern. Diese Verschleierung der menschlichen Herrschaft über Tiere drückt sich auf unterschiedlichste Weise aus: Etwa vom Ausspruch „Es war schon immer so – es lässt sich nicht ändern“, über die Trivialisierung der Gewalt an Tieren und die Banalisierung der Kritik an Tierausbeutung, bis hin zu Versuchen, Tieren Bewusstsein, Leidensfähigkeit und Individualität abzusprechen. Der Vorstellung, Tiere seien für Menschen legitimerweise nutzbar, muss mit einer Kritik begegnet werden, die die Mythen der Tierausbeutung widerlegt. Tiere sind nicht für den Menschen „geschaffen“ worden, er hat sich ihre Körper und ihre Arbeitskraft gewaltsam angeeignet! Tiere können nicht „artgerecht“ gehalten werden, jede Form ihrer Ausbeutung – ob in der Massentierhaltung oder auf dem Bio-Bauernhof – ist gegen die Bedürfnisse und Interessen von Tieren gerichtet. Der Sinn tierlichen Lebens ist nicht, auf dem Teller zu landen! Tiere sind nicht etwas, sie sind jemand! Das gegenwärtige Mensch-Tier-Verhältnis ist Resultat menschlichen Handelns und geschichtlich geworden. Daher kann es auch vom Menschen überwunden werden!

Dass Tiere nicht als Opfer gesellschaftlicher Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse anerkannt werden zementiert ihre katastrophale Situation. Weitgehend unbeachtet vollzieht sich daher ein System industrieller und institutionalisierter Ermordung von Tieren. Der Schlachthof kann als Ort der Verwirklichung kapitalistischer Produktionsprinzipien verstanden werden. Unter enormem Zeitdruck sterben dort im Sekundentakt Tiere, die zuvor auf maximales Körpergewicht gezüchtet wurden. Technisch durchrationalisiert werden die tierlichen Körper zerlegt und verarbeitet. Kein noch so kleiner Körperfetzen wird der Kapitalerwirtschaftung entzogen. Die Fleischindustrie ist „big business“ und geht dafür über Leichen. Und auch auf der menschlichen Seite der Produktion stehen Opfer des Kapitalismus: Für einen Billiglohn schuften die Schlachthofarbeiter_innen unter prekären Bedingungen und unter ständiger Bedrohung ihrer Gesundheit. Dies verdeutlicht, wie sehr unter der Herrschaft des Kapitals Menschen und Tiere notwendigerweise zu Opfern ausbeuterischer Verhältnisse werden.

Kapitalismus und Tierausbeutung ein Ende setzen: Gemeinsam gegen die herrschenden Verhältnisse

Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse nach anderen Prinzipien als bloßer Profitmaximierung ausgerichtet werden sollen, ist die tatsächliche Teilhabe der Menschen an allen sie betreffenden Lebensbereichen eine notwendige Voraussetzung. Die Überwindung ökonomischer Abhängigkeitsverhältnisse ist die Grundlage partizipativ-demokratischer Aushandlungsprozesse, in denen sowohl die Bedürfnisse von Menschen als auch von Tieren eine Berücksichtigung finden können. Die durch das Krisenregime beförderte autoritäre Politik in Europa ist jedoch das konkrete Gegenteil einer solchen, freieren Gesellschaft. Daher ist es nicht nur notwendig, aktiven Widerstand gegen die weltweiten Entdemokratisierungsprozesse zu leisten, sondern auch dafür zu kämpfen, sich die Kontrolle über zentrale Lebensbereiche wieder anzueignen.

Die sofortige Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien wie der Finanzindustrie, dem Energiesektor, dem Wohnungsbau und nicht zuletzt der Lebensmittelproduktion ist eine Notwendigkeit, um der blinden Zerstörungswut kapitalistischer Verwertungsinteressen Einhalt zu gebieten. Die Enteignung von Agrarkonzernen kann einen ersten Schritt darstellen, um auch im Bereich der Produktion und Verteilung von Lebensmitteln eine Ordnung zu überwinden, in der Eigentumsrechte und die Profitinteressen von Konzernen mehr gelten als soziale und ökologische Gerechtigkeit. Es gibt kein Recht auf Profit – erst recht nicht, wenn er mittels rein destruktiver Technologien und Anbauweisen Menschen an Hunger verenden und Tiere im Schlachthof sterben lässt. Nicht die privatwirtschaftliche Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch Konzerne, sondern die Beteiligung der Menschen an tatsächlich demokratisch organisierten Entscheidungsprozessen ist der richtige Weg, um der täglichen Barbarei des Kapitalismus ein Ende zu setzen.

Auch die Ausbeutung der Tiere ist Teil dieser barbarischen Verhältnisse. Kritik an Tierausbeutung darf sich jedoch nicht lediglich auf bestimmte Formen oder Bereiche der Gewalt an Tieren beschränken. Im Mittelpunkt der Kritik muss die Gewalt als solche stehen, denn es gibt keine Nutzung von Tieren ohne Gewalt an Tieren, es gibt keine „bessere“ und „schlechtere“ Gewalt. Wer sich ernsthaft und praktisch gegen die Ausbeutung der Tiere zur Wehr setzen will, darf sie nicht weiter als Mittel der eigenen Zwecke behandeln. Wer Solidarität mit Tieren praktizieren will, muss vegan leben, denn Gewalt an Tieren ist keine Privatangelegenheit! Natürlich können Tiere auch in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft weiter Gewalt erfahren. Aber nur eine solche Gesellschaft bietet überhaupt die Grundlage, das gesellschaftliche Projekt der Befreiung der Tiere zu realisieren.

Klar ist: die Überwindung des Kapitalismus kann nicht von einzelnen politischen Bewegungen allein erreicht werden. Soziale Kämpfe können nur dann Erfolg haben, wenn sie nicht auf einzelne Themenfelder beschränkt bleiben, sondern darauf zielen, den verschiedenen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen die gemeinsame ökonomische Basis zu entziehen. Der gemeinsame Widerstand gegen Prozesse der Entdemokratisierung sowie die Wiederaneignung und Vergesellschaftung zentraler Lebensbereiche stellt für verschiedene politische Bewegungen eine konkrete Perspektive dar, die organisatorische Vereinzelung zu überwinden und gemeinsame Strategien und Ziele zu verfolgen.

Verlieren wir daher keine Zeit und leisten entschiedenen Widerstand gegen die Versuche, eine Wirtschaftsweise zu retten, die nur auf Verwertung und nicht nach Bedürfnissen ausgerichtet ist. Denn jeder Tag, an dem Menschen geknechtet, Tiere auf die Schlachtbank geführt und die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden, ist barbarisch angesichts der Möglichkeiten im Hier und Jetzt: Die Schaffung einer Gesellschaft jenseits von Warenproduktion, Ausbeutung und Unterdrückung.“

Fußnote:
[1] http://www.tierbefreiung-hamburg.org/texte/menschen-natur-und-tiere-in-der-krise-uber-die-notwendigkeit-einer-antikapitalistischen-kritik-der-tierausbeutung

Banken blockieren für die Befreiung der Tiere?

Banken blockieren für die Befreiung der Tiere?

Die Tierbefreiungsbewegung hat sich im Mai 2012 mit einem eigenen Block und Flyer (1) an den Aktionstagen von Blockupy in Frankfurt beteiligt. Das Magazin „Tierbefreiung“ wollte genauer (2) wissen, was die initiierenden Hamburger_innen angetrieben hat, das heißt, welche Zusammenhänge und welche Aufgaben der Tierbefreiungsbewegung sie sehen.

TIERBEFREIUNG: Ihr habt euch als Tierbefreiungsblock an Blockupy, also an kapitalismuskritischen Aktionstagen in Frankfurt, beteiligt. Mal ganz allgemein gefragt: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Florian: Tiere werden in unserer Gesellschaft fast ausschließlich danach betrachtet, welchen Nutzen sie für Menschen haben. Das hat natürlich etwas mit einer Wirtschaftsweise zu tun, die nur auf Verwertung und die Maximierung von Profit ausgerichtet ist. Denn in der kapitalistischen Produktion treten die Bedürfnisse und Interessen von Tieren hinter ihren Wert zurück. Das heißt, wenn es uns darum geht, das Mensch-Tier-Verhältnis tatsächlich zu ändern, bedarf es auch der Überwindung dieser zutiefst destruktiven Ökonomie.
Annika: Die globale Wirtschaftskrise ist ja in aller Munde. Das, was da an Maßnahmen durch politische Akteure wie die Europäische Zentralbank, die Bundesregierung oder die EU betrieben wird, ist nichts anderes als der Versuch, die Bedingungen kapitalistischer Ausbeutung aufrechtzuerhalten, dessen Opfer nicht zuletzt die Tiere sind. Wir sagen, es gibt keinen vernünftigen Grund, einem Wirtschaftssystem als Retter oder Retterin zur Seite zu springen, das tagtäglich Elend produziert. Von daher war es für uns nur konsequent, als Aktive der Tierbefreiungsbewegung dazu aufzurufen, sich an den Blockupy-Aktionstagen zu beteiligen.

Könnt ihr diese wichtige Verbindung von Ökonomie und Tierausbeutung grad mal ausführen?
Annika: Diese Frage erfordert natürlich komplexe Antworten. Ich kann das an dieser Stelle nur an einem Beispiel verdeutlichen: Um ihre Existenz aufrechtzuerhalten, müssen Menschen Nahrung zu sich nehmen. Die Form, in der diese Nahrungsmittel produziert werden, ist gegenwärtig eine kapitalistische. Das heißt, es wird nicht produziert, um Bedarfe oder Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen, sondern um die produzierten Güter auf dem Markt zu veräußern. Oder anders ausgedrückt, die Bedürfnisse von Menschen, aber auch von Tieren, sind den Agrarkonzernen erst einmal egal, denn die Produktion folgt den Notwendigkeiten fortschreitender Kapitalakkumulation. Tiere gelten im kapitalistischen Produktionsprozess daher auch nicht als einzigartige Individuen, sondern als austauschbare Ressource, Produktionsmittel oder Ware. Das ist die ökonomische Basis der Ausbeutung von Tieren.
Florian: Gestützt wird das Ganze dann von einer speziesistischen Ideologie, die dieses Verhältnis als unveränderlich und natürlich erscheinen lässt und legitimiert, dass Profit auf Kosten der Tiere gemacht wird. Das Perfide daran ist aber, dass es gemessen am technisch und gesellschaftlich Möglichen überhaupt keinen Grund gibt, Tiere auszubeuten, um Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen.

Was sind die konkreten Ziele der Tierbefreiungsbewegung bei der Beteiligung an Krisenprotesten?
Florian: Wir sagen ja, dass unsere Gesellschaft nach anderen Prinzipien als bloßer Profitmaximierung ausgerichtet sein sollte, um das gegenwärtige Mensch-Tier-Verhältnis zu verändern. Eine notwendige Forderung ist, dass die Menschen in allen Gesellschaftsbereichen tatsächlich teilhaben und mitbestimmen können. Das ist gegenwärtig nicht der Fall, da beispielsweise die Ökonomie privatwirtschaftlich organisiert ist. Erst wenn wir in partizipativ und demokratisch organisierten Entscheidungsprozessen mitbestimmen können, zum Beispiel, wie unsere Lebensmittel produziert und verteilt werden, können die Bedürfnisse von Tieren eine Berücksichtigung finden. Wenn das autoritäre Krisenregime wirtschaftliche Interessen durch Prozesse der Entdemokratisierung abzusichern versucht, ist es auch Aufgabe der Tierbefreiungsbewegung, hier aktiven Widerstand zu leisten. Aber es geht auch darum, gemeinsam mit anderen Bewegungen dafür zu kämpfen, sich die Kontrolle über zentrale Lebensbereiche wieder anzueignen. Etwa Schlüsselindustrien wie die Finanzindustrie oder eben die Lebensmittelproduktion zu vergesellschaften, um diese Bereiche der kapitalistischen Verwertung zu entziehen. Kurzum, der herrschenden Politik eine solidarische Perspektive entgegenzusetzen. Erst eine solche Gesellschaft bietet die Grundlage, das Projekt der Befreiung der Tiere zu realisieren.
Annika: Gerade weil Veränderungen nicht von einzelnen politischen Bewegungen allein erreicht werden können, finden wir es wichtig, in Diskussionsprozesse zu treten und sich darüber auszutauschen, welche Ziele und Strategien wir als Akteure in verschiedenen politischen Kämpfen gemeinsam haben. Nicht zuletzt hoffen wir darauf, dass sich im Austausch auch unsere Position verdeutlicht, dass eine Kritik an unfreien Verhältnissen nicht vor der Kritik der Ausbeutung und Beherrschung von Tieren halt machen kann.

Nicht wenige meinen, man sollte sich eher auf Ethik konzentrieren und den Konsument_innen und Entscheidungsträger_innen in Politik und Wirtschaft dann diese ethischen Prinzipien vorhalten. Euer Ansatz ist ein anderer. Was sollte eurer Meinung nach jemand tun, der aus ethischen Gründen „für die Tiere“ und gegen Tierausbeutung ist?

Annika: Na ja, wir sagen halt, dass die moralischen Fragen, die sich aus dem menschlichen Umgang mit nicht-menschlichen Individuen ergeben, nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen betrachtet werden können. Andere Menschen von der Richtigkeit ethischer Prinzipien zu überzeugen, ist ja die eine Sache. Es stellt sich aber die Frage, inwieweit wir überhaupt die Möglichkeit haben, moralisch zu handeln. Schaut man sich die gesellschaftlichen Verhältnisse an, wird man feststellen, dass wir nur eingeschränkt frei entscheiden können. Tatsächlich ist der Großteil der Menschen von der Verfügung über zentrale Lebensbereiche abgeschnitten. Daher sollte es darum gehen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Menschen bewusst über die Organisation der Gesellschaft entscheiden können. Wir sind auch der Meinung, dass ethische Appelle an einen „korrekten Konsum“ zwar nicht falsch sind, dass sie aber auch gesellschaftliche Probleme, wie zum Beispiel Tierausbeutung und dass Menschen Hunger leiden, individualisieren. Nicht zuletzt kommt es darauf an, eine Wirtschaftsweise, die diese Probleme systematisch hervorbringt, grundsätzlich zu verändern, und dies funktioniert nicht ausschließlich über Konsumentscheidungen.
Florian: Was die Entscheidungsträger_innen in Politik und Wirtschaft betrifft, würde ich schon sagen, dass diese durchaus ein Adressat von Protesten sein können. Ein Unternehmen ist nicht darauf angewiesen, Tierausbeutungsprodukte zu verkaufen. Ebenso kann die Politik unter Druck gesetzt werden, um die Zulassung von Tierversuchen oder den Bau neuer Mastanlagen zu verhindern. Hier kann durchaus versucht werden, mit ethischen Prinzipien Leute zu überzeugen. Nur darf man sich da keine Illusionen machen: Solange sich aus der Ausbeutung von Tieren Kapital schlagen lässt, und solange die Politik sich ökonomischen Sachzwängen unterwirft, können allenfalls Teilerfolge erzielt werden.

Geht bei euch der „Tier-Aspekt“ nicht etwas unter, wenn ihr ein so weites Ziel verfolgt, zum Beispiel die Lebensmittelproduktion zu vergesellschaften? Oder anders gefragt, inwiefern macht ihr dann noch „Tier“befreiungsarbeit?
Florian:Das ist natürlich eine berechtigte Frage. Zunächst einmal möchten wir klarstellen, dass es nicht unsere Position ist, dass es erst einmal um die Überwindung des Kapitalismus geht und wir uns dann die Frage nach der Behandlung der Tiere stellen sollten; oder aber, dass mit der Überwindung des Kapitalismus automatisch die Tiere befreit würden. Wir sagen aber, dass Tierausbeutung nur überwunden werden kann, wenn wir auch deren ökonomische Grundlage angreifen. Als Aktivist_innen der Tierbefreiungsbewegung ist und bleibt das Leiden der Tiere der Ausgangspunkt unseres Engagements für eine andere Gesellschaft. Das wird sich auch nicht ändern.
Annika: Wir rufen ja auch nicht dazu auf, keine Tierbefreiungs-Demos mehr zu machen oder sich nicht mehr an Kampagnen der Tierbefreiungsbewegung zu beteiligen, im Gegenteil. Wir sollten aber auch schauen, warum die Tiere ausgebeutet werden, warum sich diese Verhältnisse, unter denen Tiere leiden, reproduzieren. Wie gesagt, die Ökonomie spielt da eine nicht unwesentliche Rolle. Daher ist es unseres Erachtens wichtig, nach Möglichkeiten zu suchen, als Tierbefreiungsaktivist_innen gemeinsam mit anderen Bewegungen in diesem Bereich für Veränderungen zu kämpfen.

Wie schätzt ihr den Ablauf und die Wirkung eurer Beteiligung bei Blockupy ein?
Annika: Die Aktionstage waren ja von einer massiven Repression und Einschüchterung betroffen. Wir hatten uns mehr vorgenommen als dann vor Ort umgesetzt werden konnte. Zum Beispiel hatten wir vor, uns an der Besetzung zentraler Plätze zu beteiligen und ein „Tierbefreiungsbarrio“ zu schaffen. Dieser Platz sollte dem Austausch und der Vernetzung untereinander und vor allem der Diskussion mit Aktiven aus anderen Bewegungen dienen. Alle Versammlungen auf den Plätzen wurden jedoch durch die Polizei teils gewaltsam beendet. Zudem wollten wir uns in den vielen geplanten Diskussionsveranstaltungen mit unseren Perspektiven einbringen. Auch hierzu kam es nicht, da sie ebenfalls von Verboten betroffen waren.
Florian: Man muss aber sagen, dass wir schon sehr präsent waren. Wir haben mehrere Tausend Flyer zum Thema Krise des Kapitalismus, Naturbeherrschung und Tierausbeutung an andere Demoteilnehmer_innen verteilt. Wir waren immer wieder mit Transparenten und Sprechchören zugegen, ob bei der Besetzung des Römerbergs, den Protesten vor der EZB während der Bankenblockade oder aber als kleiner, aber entschlossener Block bei der Großdemonstration. Was wir an Rückmeldungen erhalten haben, war durchaus positiv. Im Vorfeld und während der Proteste gab es viel Zuspruch zu unseren Aktivitäten.

Seid ihr zufrieden mit der Beteiligung der Tierbefreiungsbewegung an den Aktionstagen in Frankfurt?
Annika:Zunächst einmal, uns hat die Zusammenarbeit mit den beteiligten Gruppen viel Spaß gemacht, sowohl im Vorfeld, als auch bei den Aktionstagen selbst. Gerade aus Frankfurt und den umliegenden Städten kam viel Unterstützung. Aber wir hatten schon gedacht, dass ein Aufruf zu so Aktionstagen auf mehr Resonanz trifft. Es hat zum Beispiel einige aus unserem Netzwerk schon gewundert, dass so Gruppen, die ihre Selbstverständnisse gern mit Slogans wie „Gegen Kapitalismus“ oder „Für Herrschaftskritik“ unterschreiben, gar nicht da waren. Also ich meine die Leute aus dem Spektrum der „Autonomen Antispe“. Vielleicht waren die auch mit anderen Zusammenhängen unterwegs, kann ja sein. Ein anderer Punkt ist, dass das ganze Konzept der Aktionstage auch mit vielen Unsicherheiten verbunden war: Gelingen die Besetzungen? Wie sind die Cops drauf? Wie bringe ich mich überhaupt in Diskussionen mit Aktiven anderer Bewegungen ein? Das ist auch viel Neues und Unvorhersehbares. Es ist schon was anderes als zu einer Demo mit einem klar umrissenen Ablauf zu fahren. Es kann sein, dass hier Vorstellungen und Erfahrungen fehlen, wie man sich bei so Großevents einbringt. Woran es letztendlich lag, dass wir da nicht mit ein paar hundert Aktiven vor Ort waren, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nur spekulieren.

War die Beteiligung an einer kapitalismuskritischen Großveranstaltung jetzt einmalig oder wird der eingeschlagene Kurs beibehalten?
Florian: Zunächst einmal war das ja keine einmalige Sache. Es gab und gibt ja immer mal wieder Initiativen wie zum Beispiel die Wietze-Proteste, die Anschluss an andere politische Bewegungen suchen. Nichtsdestotrotz waren vergangene Diskussionen um das politische Profil der Tierbefreiungsbewegung oft recht abstrakt. Wir denken daher, dass wir in diesem Bereich mehr Erfahrungen sammeln müssen und uns in andere soziale Kämpfe einmischen sollten. Die Aktionstage in Frankfurt waren von uns sicher nicht der letzte Versuch in diese Richtung.
Annika: Wir wünschen uns aber auch, dass mehr Initiativen von anderen Gruppen und Netzwerken kommen. Auch wenn es für viele heißt, erst einmal ins kalte Wasser zu springen oder auch mal mit seinem Anliegen zu scheitern: Solche Erfahrungen können die Grundlage von Reflexionsprozessen und der Erarbeitung von konkreten Handlungsstrategien bilden, wie wir dem Elend der allgegenwärtigen Ausbeutung der Tiere perspektivisch ein Ende setzen können.

Das Interview führte Emil Franzinelli.
Veröffentlicht wurde es zuerst im Magazin „Tierbefreiung“ (Ausgabe 76; September 2012).

Fußnoten:
[1] Siehe und lese: www.tierbefreiung-hamburg.org/archives/1255
[2] Beachte auch eine knappe Darstellung von Will Potters Ansicht: www.tierbefreier.de/tierbefreiung/73/occupy.html